So einfach kommt man nicht ins Pantheon…

Ein Blick von Montmartre aus auf die Dächer von Paris gleicht einer Vertiefung in einem Gemälde. Nuancen aus Beige und ockerbraunen Farben vermischen sich in den Augen des Betrachters zu einem kubistischen Ensemble. Das geschulte Auge erkennt hier und dort zwischen den namenlosen Fassaden und Fenstern der Millionenstadt bekannte und weniger bekannte Sehenswürdigkeiten. Die Türme von Notre Dame, die Kirchen Saint Eustache und Saint Gervais zeichnen sich deutlich ab. Das Centre Pompidou gleicht einem gelandeten Raumschiff inmitten der mittelalterlichen Straßen der Altstadt. Über die von hier aus unsichtbare Seine und vor dem Hintergrund der grauen Türme der Pariser Vorstadt sieht der Betrachter, dort wo er das Pantheon vermutet, jedoch nur ein weiße Plane. Von der Ferne ist es kaum zu erkennen, doch was von weitem wie ein abstraktes Mosaik aussieht, entpuppt sich aus näherer Distanz als ein Fresko aus lachenden Gesichtern. Hinter der weißen Plane verbirgt sich nämlich eine der größten Restaurierungsbaustellen Europas. Es ist ein gigantisches Projekt, das mit rund 23 Millionen Euro zu den teuersten Renovierungsarbeiten in Europa zählt und das stark in Mitleidenschaft gezogene Bauwerk von dem zentimeterdicken Bleibelag befreien wird, den die stark verschmutzte Stadt ihren Bauwerken seit Jahrzehnten zumutet.

Das Pantheon, so erklärt unser Begleiter Maxime, der ein Praktikum bei der Denkmalschutzbehörde absolviert, ist Frankreichs Ruhmeshalle, das Monument unter den Monumenten. Ein Gebäude das als solches nie geplant, schon immer ein Politikum war. Auf dem Hügel der Heiligen Genoveva (Sainte Geneviève) gebaut, jener Heiligen, die durch Ihre inbrünstigen Gebete Paris vor dem Einfall der Hunnen bewahrte, sollte im 18. Jahrhundert der Glanz der Monarchie und ihre Verbundenheit mit der allmächtigen katholischen Kirche zur Schau gestellt werden. Dort, wo schon seit dem Mittelalter eine Kirche stand, sollte Ludwig der XV. sein im Fieberwahn ausgesprochenes Versprechen halten. Ernsthaft erkrankt schwor er 1744 der Heiligen Genoveva, ihr bei Genesung einen Tempel ohne Gleichen zu errichten. Fast vierzig Jahre lang wurde nach den Plänen des Architekt Jacques Germain Soufflot gebaut.

1790 inmitten der turbulenten Jahre der Revolution fertiggestellt, wurde die Kirche jedoch kurzerhand von ihrer ursprünglichen Bestimmung umgewandelt und zur Nekropole für die „großen Männern der Nation“ erklärt. Neben den Anstiftern der Revolution, wie Mirabeau oder Robespierre, kamen auch ihre Vordenker Rousseau und Voltaire in den Genuss eine ewige Bleibe im Herzen der Stadt zu bekommen. Die beiden Ersteren blieben allerdings nur kurz im Gebäude. In Verruf geraten, wurden Ihre sterblichen Überreste schon einige Jahre nach ihrer Beisetzung wieder entfernt.

In den folgenden Jahrhunderten wechselte das Gebäude wiederum mehrmals seine Bestimmung und war je nach politischer Lage entweder die alte Kirche Sainte Geneviève -für die Behüter des alten monarchistischen Systems-, oder die Halle der großen Freidenker -für die demokratischen Parteien-.

Die endgültige Widmung des Gebäudes zum Pantheon geschah wahrlich erst mit der Beisetzung Victor Hugos im Jahre 1885, in einem Jahrzehnt in dem das „Ancien Regime allmählich zur Geschichte zu gehören schien“, wie uns Philippe Weier erklärt. In der Belle Epoque und dem wirtschaftlichen und industriellen Aufschwung Frankreichs wurde nach neuen Idolen und Identifikationsmöglichkeiten gesucht. Das Pantheon galt somit offiziell als Symbol für die Einheit der Nation, welche durch das hervorheben einzelner herausragender Persönlichkeiten erreicht wurde.

Seitdem werden illustre Schriftsteller (Zola, Dumas), neben Herausragenden Persönlichkeiten aus Politik (Jaures, Felix Eboué) und Wissenschaften (Pierre und Marie Curie) Seite an Seite beigesetzt.

„So einfach kommt man nicht ins Pantheon“ versichert uns Maxime. „Die Entscheidung darüber, wer nach seinem Tod in dem Grabmal der Nation seine letzte Ruhe findet, wird von höchster Stelle bestimmt. Der Präsident selbst ist es, der die Entscheidung über die Beisetzungen trifft.“

Hier zeigt sich also deutlich die politische Bedeutung des Monuments, sowie seine Rolle als Spiegel des Zeitgeistes.

Eine emeritierte Professorin für neuere Geschichte an der Sorbonne Universität und seit Jahren aktiv in der Frauenbewegung erklärt mir später, wie es heute um die Bedeutungszuwendung des Pantheons steht. So ist das Jahr 2015 ganz dem Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung Frankreichs von der Willkür des Nazi Regimes gewidmet. Hierzu werden im Juni dieses Jahres vier Widerstandskämpfer im Pantheon beigesetzt. Den Résistance Kämpfern Jean Moulin und René Cassin, die schon 1964 und 1987 ihren Weg ins Pantheon gefunden haben, folgen somit auch die Widerstandskämpfer Pierre Brossolette und Jean Zay, sowie Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonioz. Mit diesen zwei Frauen steigt die Frauenquote auf unglaubliche 4%, also 3 von insgesamt 75 Beigesetzten. In der Tat ist Marie Curie, bis jetzt die einzige Frau der man den Einzug ins Pantheon gewährte. Vielleicht ist es die Aufschrift „aux grands hommes de la Nation“ (den großen Männern/Menschen der Nation) die zu wörtlich genommen wurde…

Dabei hat nicht jeder das Privileg angenommen, als glorifiziertes Idol in einer öffentlichen Nekropole zu enden. Germaine Tillon und die Nichte von Charles de Gaulle, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, werden zum Beispiel nur symbolisch ins Pantheon überführt. Ihre sterblichen Überreste bleiben im Familiengrab und in der Nähe ihrer Geburtsorte. Manchmal weigern sich die Erben auch schlicht, Ihre Familienmitglieder der Öffentlichkeit preiszugeben. Der Sohn Albert Camus sprach sich so öffentlich gegen die Beisetzung seines Vaters aus, der von dem damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy etwas vorschnell beschlossen wurde.

Das Pantheon gehört natürlich dem Staat, wird aber von dem Centre des Monuments nationaux (dem Zentrum für nationale Monumente) bewirtschaftet. Dieses geht seit einigen Jahren neue Wege, um das Gebäude der modernen Welt anzupassen. Das Fresko an der weißen Plane, soll genau diese Form von Progressivität widerspiegeln. Die unzähligen Fotografien, die anonyme Personen zeigen, sind also nicht nur bloße Dekoration, sondern versinnbildlichen die Bedeutung des Monuments als Zusammenhaltsfaktor und darüber hinaus als Symbol für die Kontinuität des Volkes über den Tod von Einzelnen Individuen hinaus.

Der Präsident des Centre des monuments nationaux, Philipp Bélaval, hat dabei einen resolut modernen Schritt gewagt, indem er die Gestaltung dieses gigantischen Freskos, das sich auch im Innern des Gebäudes fortsetzt, dem Street Art Künstler JR anvertraut hat. Bekannt wurde Letzterer durch seine provokanten Installationen entlang der Mauer zwischen Israel und dem Gazastreifen, die mit übergroßen Fotografien des „Anderen“ die Absurdität der Mauer anprangerten. Selbst wenn dieses neue Projekt von JR von einigen Künstlern als seine definitive Abkehr von illegalem und provokativem Street Art hin zu institutioneller Kunst wahrgenommen wird, so hat es zumindest dafür gesorgt, dass die Pariser Bevölkerung seit der Installation das Monument wieder für sich entdeckt hat.

Das Centre des monuments nationaux ist dabei bewusst das Risiko eingegangen auf Sponsoren zu verzichten und der Bevölkerung ihr eigenes Antlitz, statt einer gewinnbringenden Werbebotschaft zu präsentieren. In einer Zeit in der das Budget für Kultur und Denkmalpflege in einem von der Krise geschütteltem Frankreich immer knapper wird, wurden sogar neue Wege der Finanzierung erprobt. Roger Gallard, ein Mitarbeiter des Pantheons, erzählt uns dazu mehr: „Dank einer Crowdfunding Kampagne auf der Plattform Mymajorcompany.com wurden insgesamt fast 70.000 Euro von einzelnen Bürgern mitfinanziert. Das mag in Vergleich zur Gesamtsumme lächerlich klingen, doch ebnet es für zukünftige Bauarbeiten den Weg einer partizipativen Finanzierung von kollektiven Kulturgütern“.

Übrigens sind es die Gesichter dieser Kulturmäzen des 21. Jahrhunderts, die man auf der Plane sieht. Sie sollen beweisen, dass man auch als Normalsterblicher ins Pantheon kommt, wenn man in bescheidenem Masse zum Wohl der Allgemeinheit beiträgt. Und wenn Anfang nächsten Jahres die Plane wider verschwindet und mit Ihr die lachenden Gesichter, so werden sich die Pariser dennoch freuen, in ihrer Skyline den Pantheon in altem Glanz wieder zu sehen.

2016-10-28T15:29:13+00:00