Paris – ein Fest für’s Leben!

Paris – ein Fest für’s Leben! – In Paris wird das Fest weiterhin gefeiert!

Ernest Hemingway

Zum zweiten Mal innerhalb dieses Jahres ist Paris Opfer eines willkürlichen Terrorangriffs geworden. Und erneut ist ein trauriger Rekord gebrochen worden, denn die Zahl der Opfer übertrifft bei weitem alles bis dahin gekannte. Obwohl es angesichts der großen Opferzahl schwierig scheint, die Anschläge des 13. Novembers mit den Geschehnissen aus der Vergangenheit zu vergleichen, so soll dieser Rückblick auf frühere Attentate dennoch Kraft geben und zeigen, dass der Frohmut und die Lebensfreude der Pariser auch dieses dunkle Kapitel überstehen wird.

Das Wort „Terrorismus“ ist in seinem Ursprung eine Pariser Erfindung. In der Tat bezeichnete man während der Französischen Revolution die Anhänger der Terrorherrschaft als „terroristes“. Hierbei handelte es sich jedoch um einen staatlich organisierten Terror, dem in den Jahren 1793-1794 unter Danton und Robespierre zahlreiche Unschuldige Bürger zum Opfer fielen. Zu dem heutigen Verständnis eines Angriffes auf die Institutionen und die Zivilbevölkerung eines Staates kommt es allerdings erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bei den ersten Attentaten sind es die Oberhäupter, die alleinige Zielobjekte sind. Doch anders als die Königsmörder der frühen Neuzeit wie zum Beispiel Ravaillac (Mörder des Königs Heinrich IV.) werden nun unschuldige Opfer als „Kollateralschaden“ bewusst in Kauf genommen. Neben dem verpassten Attentat auf Napoleon I. im Jahr 1800 bei dem 22 Menschen das Leben verlieren, ist vor allem der Anschlag auf den König Louis-Philippe in Erinnerung geblieben.

1835 feuerte Giuseppe Fieschi auf dem Boulevard du Temple -unweit des Bataclan’s-, aus einer selbstgebauten „Höllenmaschine“, bestehend aus 25 zusammengeschweißten Gewehrrohren, auf den König. Dieser überlebte wie durch ein Wunder, doch 18 Menschen aus seinem Gefolge starben im Kugelhagel. Die Opfer dieses Attentates wurden unter dem Dom des Invaliden Palastes begraben, dort, wo 5 Jahre später das Grabmal Napoleons entstand.

1858 überlebte auch Napoleon III. einen Anschlages in der rue Le Peletier, als er auf dem Weg zu einer Oper Aufführung war. 8 Menschen in seiner Nähe hatten weniger Glück. Dieses verpasste Attentat war Anlass für den Bau der Opéra Garnier, die aber erst nach der Abdankung Napoleon III. fertiggestellt wurde. Ob man hier allerdings von Terrorismus sprechen kann, ist fragwürdig. Denn das Ziel war stets eine einzelne Person auszuschalten und die Anschläge dienten nicht dazu, Angst und Schrecken in der Bevölkerung zu verbreiten.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts erkannt man eine erste Tendenz, durch gezielte Attentate auf bestimmte Institutionen dem gesamtem System zu schaden. In den 1890er Jahren kommt es so in Paris häufig zu Bombenanschlägen von Anarchisten wie Ravachol oder Émile Henry auf führende Politiker, Geschäftsmänner und Polizeistationen. Obwohl diese Attentate letztendlich relativ wenige Todesopfer zur Folge hatten, verfolgten sie zum ersten Mal das Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten. Allerdings war nur die Oberschicht davon betroffen, die dann bis weit in das 20. Jahrhundert hinein von der Figur des bombenlegenden Anarchisten besessen war.

Doch die wahre Geburtsstunde des neuzeitlichen Terrorismus, der durch den willkürlichen Mord an unbeteiligten Zivilisten die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen will um ein politisches Ziel zu verfolgen, lässt sich in Paris erst im Laufe des Algerienkrieges spüren (1954-1962). Sowohl die Algerische Befreiungsfront (FLN) als auch die Anhänger eines französischen Algeriens (OAS) führen ihren Kampf inmitten der französischen Hauptstadt auf Kosten der Bevölkerung aus. Dabei verübt die selbsternannte „Konterterroristische“ OAS die wohl schlimmsten Anschläge auf Unbeteiligte. Im Juni 1961 kommt es zu einem Bombenanschlag auf die Gleise des Zuges von Paris nach Strasbourg. Die Entgleisung verursacht 24 Tote und über 100 Verletzte und war damit bis zum 13. November 2015‚ das schlimmste Attentat in Paris. Auch auf den Präsidenten Charles de Gaulle hatten es die Anhänger der OAS abgesehen, doch das Attentat 1962 blieb erfolglos.

In den 70er und 80er Jahren bleiben die Attentate eher gezielt und die Kollateralschaden meistens gering. Oft wird der Polizei sogar im Voraus die Existenz einer Bombe mitgeteilt. Diese Art von „symbolischem Terrorismus“ ist typisch für die separatistischen Bewegungen der Korsen, Basken, sowie der linksextremistischen Organisation „Action Directe“, dem französischen Pendant zur RAF.

Trotzdem lassen sich erste Anzeichen einer Radikalisierung der Terroranschläge in diesen Jahren erahnen. Sinnbildlich dafür ist der Venezuelanische Terrorist Ilich Ramirez Sanchez, auch bekannt unter dem Namen „Carlos, der Schakal“, der im Zwielicht zwischen krimineller Unterwelten und kommunistischer Rebellengruppen agierte. Als in den 70er Jahren der Palästina Konflikt mehr und mehr in den Vordergrund gerät, verübt Carlos mehrere Anschläge auf israelitische Geschäftsmänner und Unternehmen in Paris. Aufsehen erregend war ein Raketenangriff auf ein Israelisches Passagier Flugzeug auf der Landebahn des Flughafens Paris Orly 1975.

Der Israel Konflikt wird in den 80er und 90er Jahren zusehends das Hauptmotiv der Terroranschläge in Paris. In diesen Jahren lassen sich auch die ersten Anzeichen einer islamistisch und antisemitisch angehauchten Radikalisierung spüren. Die jüdische Gemeinde ist seitdem die gefährdetste Bevölkerungsgruppe in Paris und Ziel mehrerer teils heftiger Anschläge. Der bekannteste und in seiner Ausführung stark den heutigen Anschlägen ähnelnd, war die Schießerei in der rue des Rosiers inmitten des jüdischen Teils des Marais am 9. August 1982. 4 Männer betraten das Restaurant Goldenberg und schossen willkürlich auf die Gäste. Sie töteten dabei 6 Menschen und verletzten fast 30 weitere. Bis Heute sind die Täter nicht gefasst und es gab lange Zweifel was ihre Identität betrifft. Erst in diesem Jahr (nach 33 Jahren!) wurden die vermutlichen Täter endgültig als Anhänger der Fatah identifiziert und mit einem internationalem Haftbefehl belegt.

Die letzte große Anschlagsserie vor den Ereignissen 2015 kannte Paris im Jahr 1995, als die algerische „Groupe islamique armé (GIA)“ (bewaffnete islamische Gruppe) eine Reihe von Bomben legte und Anschläge verübte. 8 Menschen fielen einem Bombenanschlag in der RER B am Bahnhof Saint Michel zu Opfer. Prägend für diese Zeit, war das Gefühl der Bevölkerung jederzeit Opfer eines Anschlages werden zu können. Doch das Ziel die Pariser in Angst und Schrecken zu versetzen, fiel schon damals fehl. Dem Terror zu trotz gingen die Pariser weiterhin auf die Straßen. Nach dieser intensiven Terrorphase war der Gedanke Opfer eines Terroranschlages zu werden -trotz der weltweit angespannten politischen Situation- bis zum Januar 2015 in weite Ferne gerückt.

Die Anschläge des 13. November übertreffen Heute bei weitem alles bisher gekannte. Auch weil sie eine direkte Attacke auf das Pariser Lebensgefühl sind, auf seine Jugend, seine Gelassenheit…

Nach den Trauertagen erhebt sich jedoch eine Stimme des Widerstandes, denn für die Pariser ist es besonders wichtig zu zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lässt: man wird hier weiterhin das Leben feiern und in vollen Zügen genießen! Paris ist nicht zum ersten Mal Opfer von willkürlicher Gewalt und hat sich stets von den Attacken erholt. So wird es auch diesmal sein…

2016-10-28T15:29:13+00:00