Die Passagen von Paris

Ja! Man muss sie kennen die Passagen! Diese kleinen Durchgänge durch das Herzen der Stadt. Diese Zeugen einer längst vergangenen Epoche, wo das Flanieren eine Lebenseinstellung war. Lassen Sie sich Zeit um sie zu finden! Denn ein hastiger Tourist wird sie stets verpassen und an ihren unscheinbaren Eingängen, die sich nur auf dem zweiten Blick von einem normalen Hofeingang unterscheiden, vorbeihuschen.

Dabei gleicht der Gang durch diese lichtdurchfluteten Galerien wirklich einer Reise in die Vergangenheit. Es ist wie als schaue man in Paris hinein wie in ein fremdes Wohnzimmer. Ein Blick in eine andere Welt fernab der üblichen Hektik der Stadt.

Die Passagen befinden sich im Herzen von Paris, im ersten und zweiten „Arrondissement“. Dort also, wo schon jeher der Handel stattfand und wo noch Heute Tag ein Tag aus das Geschrei der Händler und das stetige Hin und Her der Lieferwagen das Stadtbild bestimmt. Entstanden in der ersten Hälfte der 19. Jahrhunderts (hautsächlich zwischen den Jahren 1823-1847) verkörpern sie das Erblühen des kapitalistischen Handels. Eine Epoche -nach den Wirren der Revolution und der Napoleonischen Ära- geprägt durch die Rückkehr der Monarchie und die Etablierung einer gefestigten bürgerlichen Klasse. Die Passagen sind demnach vor allem als Ausdruck neuentdeckter Kauffreude jener Oberschicht anzusehen, die Ihren Einkaufslüsten fernab der schlammigen Wege und der Elendsquartiere des Pöbels frönen wollte. In der Tat war Paris damals von einer mittelalterlichen Straßenstruktur geprägt, die erst Jahre später durch den Bau großer Avenuen, die Heute das Stadtbild prägen, weitgehend verschwand. Die Passagen waren also eine willkommene Abkürzung, in denen man vor den Witterungsverhältnissen geschützt war und zahlreiche Produkte aus aller Welt bestaunen konnte. In ihrer Mischung aus luxuriösem Prunk und optimierter Verkaufskulisse versinnbildlichen Sie auch die Übernahme der ästhetischen Codes des Adels durch das selbstbewusste Bürgertum. Als Vorfahre aller Passagen wird demnach auch die Passage im Palais Royal genannt, die von dem gleichnamigen Vater des späteren Königs Louis-Philippe kurz vor der Revolution in seiner Residenz gebaut wurden.

Die späteren Passagen wurden stets als kapitalistisches Unterfangen verstanden, oft beauftragt von den ersten Aktien-Gesellschaften, Banken, oder gar bereicherten Einzelpersonen, wie die Metzger Véro und Dodat, die Ihre gleichnamige Galerie unweit des Palais Royals 1837 bauen ließen. Unter den bekanntesten Passagen sind die Galerie Vivienne und Colbert zu nennen, die 1823 und 1826 parallel aneinander durch ehemalige Wohnhäuser und Stadtpaläste geschlagen wurden und in einem heftigen Konkurrenzkampf standen. Beide Galerien wurden in den 70er Jahren saniert und erscheinen Heute in neuem Glanz. Allerdings hat nur die Galerie Vivienne Ihre ursprüngliche Bestimmung als Einkaufspassage erhalten. Die Galerie Colbert ist Heute in Besitz des INHA, des Nationalen Kunsthistorischen Instituts. Mit einem nettem Lächeln an den Pförtner, bekommt man aber normalerweise die Erlaubnis, einen kurzen Blick auf die wunderschöne zentrale Glaskuppel zu werfen.

Die längste Passage, die „Passage de Choiseul“, besticht durch ihre Authentizität und ihren zahlreichen kleinen Imbissbuden. Generell sind die Passagen -je weiter man nach Norden läuft- immer weniger kulissenhaft und prunkvoll, sondern passen sich an die Moderne an und sind Schmelztiegel der vielen Kulturen, die das heutige Paris prägen, geworden.

Heute scheint man fast vergessen zu haben, dass die großen Arbeiten Hausmanns in den 60er Jahre des 19. Jahrhunderts die Passagen in den Schatten stellten und dass viele von ihnen zerstört wurden. Noch weit in die 1970er Jahre hinein wurden die Passagen völlig vernachlässigt und erst später aufwendig restauriert. Heute flaniert man mal entlang verblasster Fassaden, vergilbter Tapeten und bröckelndem Stuck, mal durch prächtige Gänge mit glänzendem Marmor, kristallenen Vitrinen und Edelholz. Lassen Sie sich überraschen… Einen Spaziergang durch die „Passage couverts de Paris“ lohnt sich alle mal!

2016-10-28T15:29:13+00:00