Auf Schleichwegen durch das Quartier Latin.

Auf dem linken Seine Ufer gelegen, gehört das „quartier Latin“ wohl zu den bekanntesten in Paris. Dabei ist die genaue Einteilung des Viertels kompliziert und nur die wenigsten wissen, wo genau seine Grenzen liegen. Denn das „quartier Latin“ ist im Grunde nur die historische Bezeichnung für den südlichen Teil der Stadt, zwischen der Seine und der ehemaligen Stadtmauer von Philipp August gelegen, die mit etwa 6 Kilometern Länge die gesamte mittelalterliche Stadt beschützte.

Diese „Rive Gauche“ (linkes Ufer) genannte Stadtseite war schon früh der studentisch und wissenschaftlich ausgerichtete Teil von Paris, in dem zahlreiche Gelehrte und Geistliche ihren Sitz hatten. Die 1253 gegründete Universität Sorbonne, ist unter den vielen Einrichtungen dieser zeit die wohl bekannteste. Sie hat bis Heute ihren internationalen Ruf behalten und das Hauptgebäude mit dem markanten grünen Turm kann als Zentrum des Viertels angesehen werden. Der Name Quartier Latin (auf Deutsch lateinisches Viertel) kommt übrigens von den vielen Studenten aus aller Herren Länder, die im Mittelalter Latein als Universal Sprache gebrauchten.

rue de Buci

Im westlichen Teil des Quartier Latins, an der Grenze zum Viertel Saint-Germain-des-Prés findet man noch den mittelalterlichen Straßenverlauf entlang der alten Stadtmauer. Diese befand sich am Anfang der rue de Buci, wo sich heute ein Gourmet-Restaurant an das nächste reiht. Der Name leitet sich von dem ehemaligen Buci-Tor ab, eines von elf Stadttoren die den Eingang in die Stadt ermöglichten. Ab hier werden die Straßen enger und ihr Verlauf entspricht nicht mehr dem einer geplanten und rationalen Stadt, sondern dem einer organischen, eben mittelalterlichen Stadt.

Hier lohnt es sich bei jeder Möglichkeit einen Blick in die Eingangstore und Innenhöfe zu werfen, um ein Gefühl für das Viertel und seine vielen Facetten zu bekommen. Manchmal findet man sogar unerahnt die alte Stadtmauer wieder, die zwar größtenteils abgetragen wurde, von der aber zahlreiche kleinere Reste in den Innenhöfen und als tragende Wand mancher Gebäude erhalten geblieben ist. So zum Beispiel im Restaurant „un dimanche á Paris“ (http://www.un-dimanche-a-paris.com/) in der cour du commerce Saint André (direkt am Ende der rue de Buci). Im Speisesaal dieses Restaurants, das zugleich eine „Chocolaterie“ ist, sieht man die Überreste eines der 77 Türme. Nur die wenigsten Gäste ahnen hier, neben welch historischer Kulisse sie zu Mittag essen.

Cour du commerce St André

Die kleine verwunschene Straße in der sich dieses Restaurant befindet, ist auch sonst reich an historischen Anekdoten. Hier befindet sich nicht nur der Hintereingang zu Paris ältestem Café, dem „Procope“, sondern dort wurde auch während der Französischen Revolution die Guillotine erfunden. Ein gewisser Joseph Ignace Guillotin ließ das erste Exemplar dieser Todesmaschine erbauen, die noch bis ende der 70er Jahre in Frankreich funktionierte. Während der Revolution wohnten hier auch wichtige Persönlichkeiten wie Danton und Murat. Letzterer wurde 1793 in seiner Badewanne von Charlotte Corday erdolcht.

RUE du commece St André

Von der Cour du commerce Saint André aus kommt man in drei weitere Innenhöfe, die wohl zu den verwunschensten der Stadt gehören: die cour de Rohan. Eigentlich ist es ein privater Durchgang, doch weil es der sicherste Schulweg für die Kinder darstellt, ist er unter der Woche geöffnet.

Im ersten Hof kann man neben einem weiteren Teil der alten Stadtmauer das Atelier und die Wohnung des polnisch-französischen Malers Balthus sehen. Letzterer war in den 30er Jahren mit allen großen Namen der Pariser Kunstszene befreundet (darunter Picasso und Matisse) und ist Heute vor allem wegen seiner Manie bekannt, auf jedem seiner Bilder eine Katze abzubilden. Daher auch sein Spitzname „König der Katzen“.

Hof 1

In dem zweiten Hof versteckt sich eine kleine Perle aus dem 16. Jahrhundert ; das Hotel Diane de Poitiers, der Mätresse des Königs Heinrich des Zweiten. Diane gehört zu den bekanntesten und einflussreichsten Mätressen französischer Könige und war satte 20 Jahre älter als Heinrich. Nach dessen Unfalltod bei einem Reitturnier im Marais, musste Diane allerdings Paris verlassen und das Gebäude fiel an die geprellte Ehefrau Caterina de Medici.

Hof 2

Im letzten Innenhof befindet sich ein alter Ziehbrunnen aus dem 17. Jahrhundert. Um zu verhindern, dass dort spielende Kinder hineinfallen, wurde er allerdings vor ein Paar Jahren mit einem Gusseisernen Deckel geschlossen. Das Wasser darunter soll aber noch immer fliessen. Einen kleinen Vorgeschmack auf diese kleine Pariser Oase bietet dieses Video hier https://vimeo.com/121149163

Von der cour de Rohan gelangt man schließlich in die rue du Jardinet, die heute aber nicht mehr so Pittoresk aussieht wie auf dem Bild unten (Anfang des 20. Jahrhunderts). Von hier aus hat man die Wahl: entweder man geht weiter Richtung Norden zur Sorbonne, oder Richtung Notre Dame, diesem Meisterwerk der Gotik. Oder aber man kehrt um und geht in Richtung Saint-Germain-des-Prés, einem ebenfalls spannendem Viertel, das wir in unserem nächsten Blogbeitrag vorstellen werden…

2018-01-18T18:59:29+00:00